Mit dem „Nationalen Aktionsplan zum Verzicht auf das Schwänzekupieren“ steht den Schweinehaltern ein neues Ärgernis ins Haus. Denn die Zeitspanne, bis die geforderte Tierhalter-Erklärung mitsamt der Risikoanalyse Kupierverzicht ausgefüllt in den Betriebsunterlagen vorliegen muss, ist kurz. 

Zum Unverständnis über den Sinn der neuen Rechtsvorschrift kommt der Ärger über fehlende Informationen zu den ab 1. Juli geltenden Pflichten. Das Stuttgarter Landwirtschaftsministerium hatte erst am 10. Mai die erste Pressemitteilung zu den konkreten Maßnahmen herausgegeben.

Für den Präsident des Schweinzuchtverbandes Hans-Benno Wichert ist der Aktionsplan ein Kompromiss zwischen den Wünschen der Gesellschaft nach mehr Tierschutz, den Forderungen der EU und der landwirtschaftlichen Praxis. Der Plan sei für Schweinehalter zwar nicht befriedigend, aber im Vergleich zu einem Kupierverbot weniger restriktiv.

Der Aktionsplan ist laut Dr. Thomas Pyczak vom MLR eine Antwort der Bundesregierung auf massiven Druck von vielen Seiten, insbesondere von der EU-Kommission, dass in Deutschland zu wenig gegen das routinemäßige Kupieren von Schwänzen unternommen werde. Die EU verlangt bereits seit 2017 das Erstellen von nationalen Aktionsplänen zur Reduzierung des Schwanzkupierens und hat diese Forderung nach dem Audit in Bayern und Niedersachsen im Jahr 2018 verstärkt. Rechtsgrundlage ist die EG-Richtlinie 2008/120, die auf Maßnahmen wie Beschäftigungsmaterial oder Reduzieren der Bestandsdichte abzielt, um das routinemäßige Kupieren zu verhindern.

Wer ist betroffen?
Zum 1. Juli 2019 muss jeder Schweine haltende Betrieb, der weiterhin Tiere mit kupierten Schwänzen halten will, eine ausgefüllte Tierhalter-Erklärung haben und gegebenenfalls bei seinem Lieferanten/Abnehmer vorlegen. Die Vorgabe gilt auch für Kleinstbetriebe. Befreit ist nur, wer ausschließlich Schweine mit unkupierten Schwänzen hält.

Tierhalter-Erklärung
Mit der Tierhalter-Erklärung bestätigt der Landwirt zum einen, dass er die sechsstufige Risikoanalyse durchgeführt und bei Bedarf geeignete Optimierungsmaßnahmen eingeleitet hat. Zum anderen belegt er darin, dass in seinem Gesamtbestand das Kürzen der Schwänze derzeit unerlässlich ist, weil an mehr als zwei Prozent der Tiere Schwanz- und/oder Ohrverletzungen aufgetreten sind. Alternativ kann der Tierhalter angeben, das die Unerlässlichkeit von einem seiner Handelspartner (Ferkelerzeuger, Mäster) dargelegt wurde. Die Tierhalter-Erklärung ist für jede Produktionsstufe und jeden VVVO-Betrieb getrennt auszufüllen. Ab dem Ausstelltag ist sie ein Jahr gültig.

Risikoanalyse
Umfasst die Erhebung von deutlich sichtbaren Schwanz- und/oder Ohrverletzungen gemäß der Note 1 des KTBL-Leitfadens Tierschutzindikatoren sowie die Beurteilung von sechs Risikofaktoren. Die Erhebung der Verletzungen muss muss alle sechs Monate mindestens einmal stattfinden, bei Saugferkeln in einem Abteil, bei Aufzuchtferkeln und Mastschweinen in mindestens zwei Abteilen. Alternativ können Schlachtbefunde genutzt werden. Die Erhebung dient dem Nachweis, dass das Kupieren zum Schutz der Tiere unerlässlich ist (wenn bei mehr als zwei Prozent der Tiere über einen Zeitraum von zwölf Monaten Bissverletzungen aufgetreten sind). Die Beurteilung der Risikofaktoren ist einmal im Jahr zu dokumentieren. Soweit die Theorie. Die Dokumentation der Risikofaktoren sowie die Wahl von Optimierungsmaßnahmen bedeuten Arbeit. Vor allem die Ersterfassung jetzt zum 1. Juli dürfte für viele Landwirte aufwendig werden. Die Beratungsorganisationen sowie die LSZ Boxberg bieten Unterstützung an.

Wie geht es weiter?
Der Nationale Aktionsplan ist auf zwei Jahre angelegt. Danach soll auf Bundesebene eine Evaluierung der Ergebnisse stattfinden. Die Umsetzung und deren Kontrolle ist Sache der Landesagrarministerien. „Wir werden bestimmt kein Sonderkontrollprogramm starten“, versprach Dr. Thomas Pyczak. Das Vorhandensein der Tierhalter-Erklärung werde im Rahmen der üblichen Betriebskontrollen abgefragt.

Unter www.bwagrar.de, Webcode 6151482, sind die Tierhalter-Erklärung, Vordrucke für die Risikoanalyse sowie die Vortragsunterlagen abrufbar. Weitere Informationen bietet außerdem die Plattform www.ringelschwanz.info. 

Quelle: BWagrar | Ausgabe 21 | 25.05.2019 | S. 27 „Tierhalter-Erklärung ist Pflicht ab 1. Juli 2019“