Das Reich der Mitte kämpft mit den Folgen der ASP. Wie wird sich die Situation dort weiterentwickeln? Was bedeutet das für den Weltmarkt?

Die chinesische Regierung hat seit Monaten eine Nachrichtensperre zur aktuellen Seuchenlage verhängt. Offizielle Zahlen zur Entwicklung des Schweinebestandes wurden aber veröffentlicht – und die haben es in sich. Seit Februar 2018 ist dieser binnen Jahresfrist um 16% eingebrochen. Für den Sauenbestand fiel das Minus mit 19% sogar noch stärker aus. Und die ASP-bedingten Bestandskeulungen und Betriebsaufgaben sind hier noch nicht richtig mitgerechnet.
Um zu verstehen, warum dieser Einbruch sehr wahrscheinlich zu großen Verwerfungen auf den Weltmärkten führen wird, muss man sich den Dimensionen dieses Landes bewusst werden. Das Reich der Mitte nannte zu Jahresbeginn 2018 mit über 442 Mio. Tieren den mit Abstand größten Schweinebestand der Welt sein Eigen. Zum Vergleich: Alle 28 Mitgliedstaaten der EU hielten letztes Jahr zusammengenommen gut 148 Mio. Schweine. Die USA auf dem dritten Rang wiesen einen Bestand von 74,5 Mio. Tieren aus. Der weltgrößten Schweineproduktion steht eine Bevölkerung von geschätzten 1,4 Milliarden Menschen gegenüber. Und während der Schweinefleischverzehr in Deutschland immer weiter abnimmt, ist er in China auf zuletzt über 40kg pro Kopf und Jahr gestiegen. […] Für China ergab sich so im vergangenen Jahr ein Inlandsbedarf von gut 55,7 Mio. Tonnen Schweinefleisch. Das entspricht rund 60% des Verzehrs der fünf größten Schweinefleischkonsumenten der Welt (China 60%, Europa 23%, USA 11%, Russland 3% und Brasilien 3%). Mit 54,75 Mio. Tonnen konnte ein Großteil davon durch die eigene Produktion abgedeckt werden. Angesichts dieser Zahlen wird deutlich, wie hart die Chinesen die Einschleppung der Afrikanischen Schweinepest (ASP) trifft.
Da in China derselbe ASP-Erregerstamm identifiziert wurde wie in Russland, ist die Seuche vermutlich durch den illegalen Grenzhandel von Schweinen, Fleischprodukten oder Futter in die chinesischen Kleinbestände eingeschleppt worden. Da für viele Kleinsterzeuger die Schweinehaltung die einzige Einkommensquelle darstellt, trat bei den ersten ASP-Fällen das Szenario ein, welches China schon bei anderen Tierseuchen zum Verhängnis wurde. Statt bei den ersten klinischen Symptomen und vermehrten Todesfällen die Behörden einzuschalten, wurden die verendeten Schweine vergraben und der Restbestand schnellstmöglich verkauft. Denn bei Bestandskeulungen gibt es keine staatlichen Entschädigungszahlungen. Zudem kommen die extrem langen Lebendviehtransporte in China hinzu. Aufgrund der Infrastrukturen lässt sich in China kaum eine Kühlkette aufrecht erhalten. Aus diesem Grund werden die Schweine aus ländlichen Regionen teils über tausende Kilometer zu den Schlachthöfen am Rande der Großstädte gefahren. In einer Stadt mit 10 Mio. Einwohnern sind in der Regel 60 bis 70 Schlachthöfe angesiedelt, die die Schweine schlachten und das Frischfleisch direkt an den Endverbraucher verkaufen.

Vor diesem Hintergrund wirken auch die aktuellen Zahlen zur Seuchenlage unglaubwürdig. Denn Peking hat erst 132 ASP-Fälle offiziell bestätigt. Auch das bislang nur 1,1 Mio. Schweine im Zuge der Seuchenbekämpfung gekeult worden sind, darf bezweifelt werden. Auffällig ist zudem, dass innerhalb einer Provinz oftmals nur einzelne Betriebe als ASP-infiziert gemeldet wurden. Denn die Provinzen haben wenig Interesse daran, sämtliche ASP-Fälle publik zu machen. Ab dem zweiten offiziell bestätigten Fall werden nämlich von Peking aus weitgehende Restriktionen verhängt.

Die strengen Handelsrestriktionen erklären auch die enormen Schweinepreisdifferenzen zwischen den Provinzen bzw. den sieben geographischen Regionen des Landes. Die nördliche Tiefebene, der Südwesten, die Mitte und der Osten gelten als Kornkammer des Landes. Außerdem sind hier 70% der chinesischen Schweineproduktion angesiedelt. Als diese Gebiete mit Handelssperren belegt wurden, stürzte der Preis aufgrund des massiven Überangebotes im ersten Quartal des Jahres auf umgerechnet 1,09€/kg Lebendgewicht ab. Im relativ schweinearmen Süden hingegen erreichten die Preise ein Niveau von mehr als 2,60€/kg. Die Durchsetzung der Handelsauflagen wird zwar tatsächlich streng kontrolliert und Vergehen hart bestraft. Die Preisunterschiede zwischen benachbarten Provinzen und die nach wie vor fehlende Kontrolle über die Hinterhofferzeugung lassen dennoch den seuchenhygienisch fatalen Schwarzhandel mit Lebendschweinen und Fleisch weiter aufblühen.

Die Chancen, die ASP in absehbarer Zeit wieder zurückzudrängen, dürften unter diesen Umständen verschwindend gering sein. Aus diesem Grund wird die Seuche maßgeblich dazu beitragen, dass sich die Strukturen in der chinesischen Schweinehaltung grundlegend verändern. Bis sich dieser Strukturwandel vollzogen hat, wird sich der chinesische Bestand aber nach einhelliger Meinung internationaler Marktexperten über einen längeren Zeitraum in einer noch nie dagewesenen Abwärtsspirale bewegen.
Ersten Schätzungen zufolge wird die Eigenerzeugung in 2019 zunächst auf 49 Mio. Tonnen fallen. Zieht man den Inlandsbedarf aus 2018 heran, würde sich in diesem Jahr ein Versorgungsdefizit von annähernd 7 Mio. Tonnen Schweinefleisch ergeben. Eine gewaltige Menge angesichts dessen, dass in diese Jahr weltweit vermutlich rund 9 Mio. Tonnen gehandelt werden. Marktexperten gehen aber nicht davon aus, dass die Chinesen den Weltmarkt leer kaufen. Denn vermutlich wird das Schweinefleisch seinen Anteil von 65% am chinesischen Fleischkonsum nicht halten können. Die steigenden Preise und Importmengen bei anderen Fleischsorten zeigen, dass Teile der Bevölkerung bereits Schweinefleisch meiden. Allein dem Geflügelfleischkonsum in China wird daher für 2019 ein Wachstum von gut 10% zugetraut. Eine Versorgungslücke beim Schweinefleisch wird es ungeachtet der sinkenden Inlandsnachfrage dennoch geben und die wollen vor allem die großen Exporteure wie die EU, Brasilien und die USA schließen.

Quelle: SUS Schweinezucht und Schweinemast | Ausgabe Nr. 3 Juni/Juli 2019 | S.14 „Gigant China schwankt“